Eigentlich hatte ich bislang immer Nokia Handys, angefangen beim 3210 und beginnend mit dem 3650 nur noch Symbian OS basierte „Smartphones“. Diesmal war aber weder die gute Interoperabilität, noch die gute Sofwareauswahl für die Symbian Plattform entscheidend für die Kaufentscheidung. Abseits der Nebenanforderung, die eigenen Daten (Telefonbuch, SMS, Fotos, Videos) vom alten Handy, problemlos auf das neue Handy übernehmen zu können, war der Kaufgrund Nummer 1, dass ein (debian 4 basiertes) Linux drauf läuft, wenn auch das nicht das einzige bootbare System bleiben muss, Android und MeeGo / Maemo 6 werden auch (bald) funktionieren.

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Allerdings sollte man bedenken, dass das Nokia N900 eher ein geschrumpftes Netbook / Tablet PC ist mit Telefonfunktion, denn ein Smartphone. Das wird umso deutlicher beim Blick in das Hauptmenü, wo die Telefonfunktion nur einer von vielen Punkten ist. Die technischen Daten wissen jedenfalls zu überzeugen, wenn ich auch den Akku mit 1320 mAh ein wenig unterdimensioniert finde. Mugen Power Batteries stellen zwar einen 2400mAh Akku her, der das Gerät aber deutlich dicker macht und eine alternative Rückklappe nötig macht – unschön. Der mit von 250-600MHz dynamisch taktende Prozessor, begleitet von 256MB RAM+ 768MB Swap gehen jedenfalls erfreulich schnell zu Werke, ermöglichen effizientes Multitasking-arbeiten, um die (3D-)Grafik kümmert sich ein PowerVR SGX, der via OpenGL ES 2.0 angesprochen wird, selbst die Kamera (für Nokia ungewöhnlich) lässt mit ihren 5,3MP kaum Wünsche offen, Fotos nimmt sie wahlweise im 4:3 oder 16:9 Format auf, Videos mit 848×480 sind sogar (theoretisch) detaillierter als eine DVD und sogar der doppelte LED-„Blitz“ sorgt im Dunkeln für brauchbare Bilder, die dann aber schon gehörig rauschen. Aufgenommene Fotos können auf Wunsch mit Tags und Geoinformationen versehen oder direkt über Webdienste im Netz zur Verfügung gestellt werden. Auch die Kameraausrichtung wird in den EXIF Daten gespeichert bei Hochkantfotos, was durch die verbauten Gyrosensoren möglich gemacht wird.

Sogar Makroaufnahmen gelingen dank der Zeiss Optik ganz gut

Herauszuheben ist ferner auf jeden Fall die Integration von lokalem Adressbuch, IM Kontakten (Skype, Jabber, Google Talk, MSN, ICQ etc. pp) und sozialen Netzwerken (YouTube, Facebook, …), die sehr gelungen umgesetzt worden ist. So können diese Account Infos dem lokalen Adressbucheintrag hinzugefügt werden, sodaß die Person nur noch 1x mit allen Kontaktmöglichkeiten aufgelistet wird. Ferner ist es möglich, direkt aus dem Adressbuch eine Chat-Sitzung oder einen Skype Anruf zu starten. Bei Jabber Anrufen z. B. kann auch die 2. vorne sitzende Kamera zum Videochatten verwendet werden, Skype hat leider keinen Video Support.

Auf Standardfeatures, wie SMS, E-Mail (auch mit IMAP, TLS und sogar Exchange Support – wers mag), Anruflisten, Trafficcounter, Gesprächsverläufe, Foto- und Videogalerie, RSS Reader, Weltzeituhr + Wecker (der möchte ich gar nicht näher eingehen, sowas sollte auf jeden Fall zum kleinsten gemeinsamen Nenner eines Smartphones gehören und lässt in der derzeitigen Implementierung auch kaum etwas vermissen. Lediglich das Fehlen einer MMS Funktion ist erwähnenswert (remember iPhone-Bashing? ). Dazu gibt es zwar mit „fMMS“ und „fAPN“ ein Community Projekt, das aber noch nicht besonders weit fortgeschritten ist, einiges an Handarbeit bei der Konfiguration erfordert und bislang auch nur Bilder senden und empfangen kann und zudem nur in dem extras-devel Repository verfügbar ist.

Neben dem normalen (stalbe) extras Repository, kann ich linuxaffinen Bastlern aber bedenkenlos noch das extras-testing Repo empfehlen, welches das Softwareangebot zum Installieren gravierend erweitert und dennoch nur selten, kleinere Probleme beschert, die aber allesamt einfach zu lösen sind. Der Ovi Store ist ohnehin vorinstalliert als Paketquelle und kann out-of-the-box genutzt werden. Gerade kleinere Tools verstecken sich dabei aber ganz gerne im graphischen Paketmanager und sind besser über die Konsole (Strg+Shift+X) oder aber remote auf der shell via SSH mit apt-get zu installieren. Vom WLAN Scanner, Packet Sniffer, über kleinere Tools bis tzum Casual Game gibts hier schon einiges zu entdecken.

Für mich als Admin sind so Sachen wie SSH Client und -Server, (Open)VPN Client (gibt auch noch andere Implementierungen, Cisco, AVM, ipsec und co), Port-Scanner ja schon fast ein Muss, wodurch ich im Zweifel, wenn ich unterwegs bin, nicht einmal das Notebook rausholen muss, um ne Kleinigkeit auf einem Server nachzusehen oder umzustellen. Aber auch für die muntere Kontaktpflege mit der digitalen Welt hab ich Einiges nachinstalliert. Einmal hab ich das Standard Verfügbarkeitswidget um zusätzliche Chatprotokolle erweitert, auch wenn ich damit eigentlich nur Skype, Jabber und ggf. Facebook nutze, da diese (bis auf letzteren) multihomingfähig sind, andererseits habe ich aber auch einen Pidgin Messenger installiert, mit dem ich auf allen meinen IM Kontakten online gehen kann, quasi zum Chatten als Primärbeschäftigung und nicht „nur“ für ständige Erreichbarkeit. Ausserdem bietet mir der Pidgin die Möglichkeit, OTR-Verschlüsselung zu nutzen. Aber auch mit XChat kann ich sogar über das VPN nach Hause über meinen Miau-Bouncer an IRC Unterhaltungen teilnehmen.

Praktisch für unterwegs mit dem Notebook (obwohl ich im eingebauten UMTS Modem eine 2. T-Mobile Datenkarte mit kleinem Volumen zu schmalem Preis für Notefälle stecken habe) ist die Möglichkeit, das Handy über USB-Kabel oder Bluetooth als Modem fürs Internet zu benutzen, im Neusprech „Tethering“ genannt.

Bis zu diesem Punkt kann das N900 alle Basisbedürfnisse erfüllen, die ich an ein „Telefon“ stelle, jetzt kommen erst die Dinge, die „Spaß“ machen

Über die etwas kryptische Tastenkombination (oder den optional zu installierenden OpenSSH Server) landet man auf der Busybox Shell des Telefons. Mächtigere Shells (wie BASH3 oder Pendant) können bei Bedarf ebenfalls nachinstalliert werden. Hier wird nun sehr schnell der Ursprungs des Maemo5 sichtbar, nämlich ein Debian 4.0 (Etch). Angefangen vom verwendeten apt-get Frontend für den Paketmanager, der dpkg im Hintergrund bedient bis zu Netzwerkanalysetools wie tcpdump, bwm-ng, nmap und co ist hier alles vorhanden oder über die Paketverwaltung verfügbar, dabei muss auch auf Konsolentools wie vim, irssi oder mutt nicht verzichtet werden, wer die graphischen QT Pendant von Nokia nicht so sehr mag.

Auch wenn die Entwicklung von Maemo nicht mehr lange voranschreitet (von Wartung abgesehen), da durch die Kooperation mit Intel’s Moblin Entwicklern ein Merge zwischen Moblin und Maemo zu MeeGo stattfinden wird, macht es dennoch Sinn, mit dem erhältlichen FREMANTLE SDK, Anwendungen für das N900 zu portieren oder zu entwickeln, denn das MeeGo SDK soll weitgehend ähnlich aufgebaut sein und somit dürfte die Portierung zu MeeGo den Aufwand im Erträglichen halten. Eine erste Version (u. A. für das N900) von Meego ist bereits verfügbar, hier fehlen aber noch so gut wie alle graphischen Oberflächen und ist eher für Entwickler vorgesehen. Aber bereits im Mai soll das Projekt größere Schritte nach vorn machen, die mich sehr interessieren…

Ebenfalls möglich werden wird wohl der Einsatz von Maemo/MeeGo und gar Android als Multi-Boot Optionen.

Auf jeden Fall erleichtert so ein Gerät einem netzaktiven Menschen das alltägliche Leben enorm. Auch wenn ich auf dem Gerät vermutlich keine seitenlangen Blogeinträge schreiben werde, ist es super dafür geeignet unterwegs fix seine Mails zu checken, den Status bei seinen sozialen Netzwerken zu überprüfen, eben eine Twitter Nachricht abzusetzen, auf einem Remoteserver nach dem Rechten zu sehen oder einfach auch nur gerade geschossene Fotos oder Videos irgendwo im Netz hochzuladen (oder mit Qik direkt live ins Internet zu streamen) oder im Wartezimmer beim Arzt im Netz rumzutreiben, anstatt erst das Notebook/Netbook auskramen und aufbauen zu müssen.